Dienstag, 9. Juni 2009

TERMINATOR SALVATION

Gibt es ein Zuwenig im Kino? Selbstverständlich. Ein Zuviel? Auch das werden die meisten bejahen. Die Balance zwischen diesen beiden Polen scheint der Weg zu einem guten Film. Die Grenzen verlaufen freilich für jeden anders: Während sich die einen freuen, wenn ihnen das Leinwandgeschehen restlos erklärt wird, sehen andere den Reiz eines Kinoerlebnisses gerade in den Leerstellen, die ein Film lässt. Oder in der schieren Wucht eng aneinander gereihter Informationen für Auge und Ohr. Genau deshalb können wiederum manche den Filmen Oliver Stones oder Darren Aronofskys wenig abgewinnen: Audiovisuelle Spektakel wie Natural Born Killers oder The Fountain überfordern viele, die es im Kino lieber bequem und geordnet mögen.

Dem Actionfilm seit den frühen Neunziger Jahren wird nachgesagt, er habe sich diesen Overkill, dieses absichtliche Zuviel zum Maßstab gemacht – bloß ohne jenes tiefgründiges Fundament, das sich hinter den Meisterwerken von Stone und Aronofsky verbirgt. Die Spielberg’sche Überwältigungsdramaturgie, die akribische Kontrolle der Emotionen des Zuschauers, darf da noch als das relevanteste Exemplar eines in der Sackgasse angelangten Überbietungsdrangs gelten. Aber auch diese Epoche wird ein Ende finden, vielleicht ist es bereits eingeläutet. Sind jüngere Vertreter des Blockbusterkinos, wie The Dark Knight oder Star Trek, nur die Ausnahme einer nach wie vor wirksamen Regel oder Anzeichen eines Paradigmenwechsels?

Mitten im Wust austauschbarer Erzeugnisse der Hollywoodmaschinerie um die Jahrtausendwende finden sich zwei Filme, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben: Der eine ist James Camerons Terminator 2: Judgment Day, der 1991 einer der ersten echten Post-Eighties-Actionfilme war; der andere die Kinoneuverfilmung einer erfolgreichen TV-Serie der 1970er, die Agentenpersiflage Charlie’s Angels (2000) eines Regisseurs, der sich den etwas seltsamen Künstlernamen McG zugelegt hat. Der retrospektive Blick auf die mediale Vergangenheit, vermischt mit einer spürbaren Weiterentwicklung des Zitierten, ist lange der einzige gemeinsame Nenner der beiden Produktionen gewesen. Nun verbindet die Filme der vierte Teil der von Cameron initiierten „Terminator“-Franchise, den US-Regisseur McG übernommen hat.

Ganz im Trend gegenwärtiger Fortsetzungen und Vorgeschichten ist Terminator Salvation beides: Sequel und Prequel. Zeitlich spielt Teil 4 nach den bisherigen Abenteuern – und ist doch gleichzeitig die Erzählung dessen, was vor Camerons The Terminator von 1984 geschieht. Wir befinden uns im Jahr 2018. Der im zweiten und dritten Part zunächst verhinderte ‚Judgment Day’ hat längst stattgefunden: Die vom Menschen erschaffenen Maschinen haben einen eigenen Willen erlangt, beschlossen, sich ihrer Schöpfer zu entledigen und die Welt in einen nuklearen Holocaust gestürzt. Die wenigen menschlichen Überlebenden müssen sich fortan im Untergrund verstecken und führen einen aussichtslosen Krieg gegen die Künstliche Intelligenz. Einer der wichtigsten Kämpfer auf der Seite der Menschen ist John Connor, gespielt von ‚Batman’ Christian Bale. Doch noch ist Connor nicht der Anführer des Widerstandes, der er laut den Zukunftsberichten der früheren Filme einmal sein soll. Stattdessen werden seinen verzweifelten Bemühungen zwischen der finalen Vernichtungsstrategie des „Gehirns“ der Maschinen, Skynet, und den übermütigen Plänen seiner eigenen Kommandozentrale aufgerieben. Bale gibt John Connor als mutigen Krieger, dessen Tun noch mit starken Zweifeln durchsetzt ist, dessen schlimme Vergangenheit sich auf jedem Gesichtszug ablesen lässt. Dass wir uns in dieser postapokalyptischen Welt in einer alternativen Zukunft befinden – verändert durch die Zeitreisen der ersten drei Terminatoren –, dieses metaphysische Durcheinander verkörpert Bale mit zwingender Intensität.

Terminator Salvation beschert uns ein Wiedersehen mit weiteren Helden aus der Vergangenheit der Filmserie: Anton Yelchin spielt den jungen Kyle Reese, jenen Soldaten aus der Zukunft, der Johns Mutter in The Terminator vor dem selbigen hatte retten können – und somit nebenbei kein Geringerer ist als John Connors leiblicher Vater. An dessen Seite kehrt Kate Connor geb. Brewster zurück, deren (zu) marginale Rolle statt Claire Danes nun Bryce Dallas Howard übernommen hat.

Der entscheidende Neuling in der monochrom-düsteren Öde des gepeinigten Planeten von Salvation ist ein gewisser Marcus Wright. Die Erinnerung der vom Australier Sam Worthington dargestellten Figur endet im Jahr vor dem ‚Tag der Abrechnung’, während seiner Exekution wegen Mordes. Wie Wright in diese verheerende Zukunft gelangt ist, weiß er nicht. Bald wird jedoch nicht nur ihm selbst klar, dass er in der bevorstehenden Konfrontation zwischen Menschheit und Maschinen eine entscheidende Rolle spielen wird.

Der klügste Kniff des Drehbuches ist die Variation des für die Reihe schon traditionellen Semi-Schurkens, dessen Rolle in allen drei vorangegangenen Filmen Arnold Schwarzenegger übernommen hatte. Dass dieser dritten Fortsetzung die Zeitreise eines humanoid wirkenden Roboters fehlen würde, ist nämlich bloß der erste Anschein von Terminator Salvation. Stattdessen treibt das (laut Internet durch zahllose ungenannte „Script-Doktoren“ ergänzte) Autorenteam diese Grundidee der Franchise auf die Spitze. Nach und nach entwickeln McG & Co. eine unerwartet komplexe Narration, die alle drei zentralen Charaktere – Conner, Reese und Wright – in einer wahrlich verzwickten Konstellation zusammenführt.

Qualitativ reiht sich Salvation nun also direkt hinter Camerons progressiver Fortsetzung Judgment Day ein. Dessen Auftakt der „Terminator“-Reihe, der aus heutiger Sicht neben 80er-Nostalgie und tonnenweise unfreiwilliger Komik erstaunlich wenig zu bieten hat, ist McGs Fortführung sicher überlegen. Ebenso Jonathan Mostows in schier endlosen Stuntsequenzen ersoffenem Rise of the Maschines (2003). Dass der vierte Teil dennoch deutlich hinter dem Sommerhit des vergangenen Jahres, The Dark Knight, zurückbleibt, hat zwei Gründe. Zum einen stößt das Mitwirken des US-Verteidigungsministeriums an der Produktion übel auf, dessen Einfluss sich nicht nur in der verwendeten Waffentechnologie bemerkbar macht, sondern dem die ungenierte Ästhetisierung der kriegerischen Akte und wohl auch die konsequente Verharmlosung atomaren Fallouts zu verdanken ist. Zwar mögen diese politischen Unkorrektheiten bei einem futuristischen Kriegsfilm wie diesem kaum verwunderlich sein. Gerade gegen Christopher Nolans fortschrittliche Variation des ebenfalls hochproblematischen Rachethrillergenres enttäuscht die unkritische Haltung von Terminator Salvation dennoch.

Hinzu kommen die inszenatorischen Schwächen des Films, die besonders zu dessen Ende hin deutlich werden. Während es McG zunächst gelingt, die Hoffnungslosigkeit der Welt nach der Apokalypse und die alten wie neuen Figuren der Erzählung zu etablieren, verliert er mit zunehmender Spieldauer den roten Faden. Mit dem letzten Drittel seines Werkes unterfordert der Regisseur allerdings nicht etwa, sondern er will schlicht zu viel. Was als Masche seiner „Charlie’s Angels“-Filme – besonders dem Kenner des Zitierten – noch großen Spaß bereitet hat, steht der düsteren Science Fiction der Terminatoren nicht gut. Allen scheint McG es recht machen zu wollen. Ein Twist jagt den nächsten, jede Erwartung wird unter allen Umständen bedient, wenn nicht übertroffen. Das ist quantitativ beachtlich, geht aber auf Kosten jeder Konsistenz. Auch wenn es ein Scheitern auf recht beachtlichem Niveau ist: Seine durchaus relevanten Ansätze verspielt Terminator Salvation schließlich. Wieder einmal gilt hier der neunmalkluge Spruch, dass weniger beizeiten in der Tat mehr bedeuten kann.

Wertung: ■■■■■■□□□□□□□□□ (6/15)

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Juni 2009

Keine Kommentare: