Montag, 22. Juni 2009

ROHTENBURG

Nach mehr als drei Jahren obsiegt die Kunstfreiheit in letzter Instanz: Im Mai dieses Jahres hat der Bundesgerichtshof das Verbot von Rohtenburg aufgehoben, da der vermeintliche Skandalfilm nun doch nicht die Persönlichkeitsrechte des echten „Kannibalen von Rotenburg“, Armin Meiwes, verletze. Der hat die unautorisierte Verfilmung seiner Lebensgeschichte zwar erheblich verzögert, aber nicht ganz verhindern können. Der deutsche Verleih Senator zögert nun nicht lange und lässt den Film nicht einmal einen Monat nach der Annullierung des Banns in den Kinos starten.

Wie zu erwarten, ist der Film Rohtenburg – in den tatsächlichen Städtenamen hat sich aus rechtlichen Gründen ein merkwürdiges „h“ geschummelt – um Dimensionen unspektakulärer als die jahrelange Debatte darüber. Und zwar im Negativen wie im Positiven: Das vergleichsweise harmlose Werk ist beileibe nicht so schlecht, wie manch opportunistischer Kollege schon beim ursprünglich angesetzten Kinostart 2006 geschimpft hat. In einer überraschend kurzen Spieldauer von knapp 80 Minuten erzählt das Horror-Drama die weithin bekannte Geschichte aus der Perspektive einer fiktiven amerikanischen Studentin (Keri Russell). Für ihre Abschlussarbeit ist sie nach Deutschland gekommen und recherchiert die genauen Umstände der Tat. Während sie die Elternhäuser der beiden beteiligten Männer abgeht, durchleben wir mit ihr die grauenhaften Details der Tat: Wie sich Oliver Hartwin (gespielt vom deutschen Schauspielstar Thomas Kretschmann) und Simon Grobek (dargestellt vom weitgehend unbekannten Thomas Huber) in einem Internetforum kennen lernen und kurz darauf treffen, wie Oliver schließlich Simon auf dessen Verlangen hin tötet und verspeist.

Zunächst sind auch der Inhalt und die Qualität von Rohtenburg ein juristischer Fall – vermengt mit einer psychologischen Fragestellung, die sich ohne fundierte Expertise kaum kommentieren lässt. In erster Instanz ist Armin Meiwes – der der Filmhandlung zweifelsohne als Vorbild dient – nämlich wegen Totschlages verurteilt worden, später hat der Bundesgerichtshof das Urteil in lebenslange Haft wegen Mordes und Störung der Totenruhe umgewandelt. Dieser Unterschied ist entscheidend: Die Argumentation des Spielfilmdebüts des deutschen Regisseurs Martin Weisz passt allenfalls zu einer Verurteilung wegen Totschlages, eher noch zu einer Tötung auf Verlangen, die übrigens Meiwes’ Verteidigung seinerzeit beantragt hatte. Nicht umsonst lautet der amerikanische Titel des Filmes Grimm Love: In der Tat wird das Verhältnis zwischen „Täter“ und „Opfer“ ähnlich einer – wenngleich krankhaften – Liebesbeziehung etabliert. Von heimtückischen Mordgelüsten auf der einen und völliger Unzurechnungsfähigkeit auf der anderen Seite ist in Rohtenburg kaum eine Spur zu finden.

Als ebenfalls problematisch erweist sich die psychologische Argumentation des Films. In zahllosen Rückblenden versucht Weisz die biografischen Hintergründe seiner beiden Protagonisten zu entschlüsseln. Leider verengt sich die Ursachenforschung dabei vollständig auf die Kindheitstraumata der Männer. Während diese streitbare Reduktion mit dem Diktat einer immerhin fiktiven Spielfilmdramaturgie entschuldigt werden kann, ist die künstliche Alterung der Flashbacks vollkommen unnötig – als ob der Zuschauer die Zeitsprünge nicht auch ohne diese klischeehafte Manipulation einzuschätzen wüsste.

Eine weitere Schwachstelle der Erzählung ist die Psychologiestudentin der Rahmenhandlung. So wichtig ihre Funktion als Katalysator und ordnendes Stilmittel sein mag: Als eigenständiger Charakter ist jene Katie schlicht zu plump angelegt und substanziell unterentwickelt. Ihre einzige Aufgabe im gesamten Film besteht darin, durch das Verschlussgeräusch ihrer Fotokamera die multiplen Rückblenden auszulösen. Alles an dieser Figur ist offensichtlich: Der verträumte Wissensdrang, die pseudophilosophischen Voice-Overs, die stets verschmierte schwarze Schminke. Ihre wahrhaft ziellose Reise durch die Jagdgründe des Bösen endet bezeichnenderweise viel zu abrupt, in einer zwar verständlichen, aber völlig leeren Geste.

Zwei Erkenntnisse erzeugt Rohtenburg dann aber doch: Weder verschiebt er das Tun seiner Untersuchungsobjekte ins gänzlich Irrationale – eine sicher nahe liegende Gefahr – noch vergisst er den vielleicht wichtigsten Nebenfakt. Dass dem Film keine zufrieden stellende Erklärung des neurotischen Verhaltens der beiden Männer gelingt, ist sicher kein alleiniger Fehler dessen Macher. Immerhin verknüpft er die wenigen Anhaltspunkte aber schlüssig und verzichtet auf eine bloße Dämonisierung der Vorgänge. Andererseits zeigt er klar auf, dass die Tat ohne die kommunikative Revolution des Internets niemals hätte geschehen können, dass die Protagonisten ohne die Anonymität und Vernetzung unseres multimedialen Zeitalters schlicht nie und nimmer zueinander gefunden hätten.

Die größte Versuchung, der Regisseur Weisz und Produzent Marco Weber tapfer widerstanden haben, ist sicher, das Grauen des Verbrechens in entsprechend explizite Bilder zu fassen. Stattdessen kommt Rohtenburg mit vergleichsweise moderaten Gewaltdarstellungen aus und vertraut auf die schiere Bedrohlichkeit der Erzählsituation. Gerade wegen seiner strukturellen Schwächen und der beizeiten arg simplifizierten Bedeutungszusammenhänge ist der Film alles andere als ein voller Erfolg, aber er entspringt merklich einem bemühten Versuch, das Unvorstellbare begreiflicher zu machen. Wie gesagt: Dass dieses Unterfangen scheitert, ist diesem Filmprojekt und seinen Initiatoren schwerlich alleine anzukreiden.

Bleibt die Frage nach der grundsätzlichen Berechtigung, nach der Notwendigkeit, die unfassbaren Vorgänge vom März 2001 in einem Spielfilm nachzuerzählen. Dagegen spricht das sicherlich auf reine Sensationsgier reduzierte Interesse vieler Zuschauer und die Aussichtslosigkeit, der Komplexität des Behandelten ausgerechnet mit den Mitteln künstlerischer Fiktion gerecht zu werden. Dafür spricht, dass das Kino – gleich jedem anderen Kulturerzeugnis und vollkommen unabhängig von der tatsächlich erreichten Qualität des konkreten Produktes – eine innergesellschaftliche Verständigungsplattform bleibt, ein Forum für die Auseinandersetzung gerade mit dem schwer Begreifbaren. Insofern führt das Verstehen-Wollen in der Tat zu einem Zeigen-Müssen. Und hoch über diesem Diskurs schwebt schließlich jenes Gut, das sehr wohl seine Grenzen hat, die in diesem Fall aber nicht einmal das Bundesverfassungsgericht überschritten sieht: die Kunstfreiheit.


Wertung: ■■■■■■□□□□□□□□□ (6/15)

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Juni 2009

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