Freitag, 12. Juni 2009

DRAG ME TO HELL

Eine junge Frau (Alison Lohman), sie entscheidet in einer kleinen Bank über die Vergabe von Krediten, gerät in den Bann des Bösen. Weil sie – um sich dem Chef für einen Beförderung zu empfehlen – einer alten Frau eine dringend erbetene Fristverlängerung verwehrt, belegt diese sie mit einem tödlichen Fluch. Was sich wie der austauschbare Plot einer mittelmäßigen Mystery-Serie liest, ist in Wahrheit die Rückkehr eines Großmeisters in sein Spezialgebiet. Nach dem durchschlagenden Erfolg der ersten drei „Spider-Man“-Filme widmet sich Sam Raimi mit Drag Me to Hell wieder seiner Domäne, dem Horrorkino. Dass er sein Handwerk keineswegs verlernt hat und der eher einfallslose Inhalt kein übler Vorbote sein muss, stellt Raimi im Handumdrehen klar. Kaum eine Filmminute vergeudet der Regisseur mit unnötigem Geplänkel, sondern haut uns seine altbekannten Schockeffekte unversehens um die Augen und Ohren. Wichtiger noch als die Schnörkellosigkeit seines Ansatzes ist die beißende Selbstironie, die sich Raimi auch für sein finsteres Comeback erhalten hat. Eine auf Körperöffnungen fixierte Fliege, die mitten auf der Kameralinse landet, ist da noch ein vergleichsweise harmloses Detail. Der hemmungslose Splatter-Humor des Filmes macht nicht einmal vor rüstigen Omis und niedlichen Haustierchen Halt.

Die andere Seite von Raimis neuem Werk ist eine überaus ernste, die den Genuss seines erfrischend frechen Flicks doch empfindlich stört. Das konventionelle Drehbuch von Drag Me to Hell fußt nämlich vor allem auf einem Grundprinzip – Rassismus. Der Knackpunkt der ganzen Angelegenheit ist eine klar fremdenfeindliche Vorstellung von „Zigeunern“. Während alleine diese Benennung – die der Film im Original mit dem englischen „gypsy“ selbst trifft – höchst diskutabel ist, irritiert insbesondere das fast selbstverständlich rassistisch strukturierte Figurengeflecht von Drag Me to Hell: Alles Andersartige, in erster Linie natürlich die nun wirklich denkbar dysästhetische „Zigeunerin“, ist boshaft und schlecht. Auch wenn der (im wahrsten Wortsinne) gift- und gallespeienden Dame zum Filmbeginn ein vermeintliches Unrecht widerfährt: Mit allen Mitteln will uns der Film weis(s)machen, dass der engelsgleichen Protagonistin quasi keine andere Wahl bleibt oder ihr Vergehen doch wenigstens höchst verständlich erscheint. Zu jedem Zeitpunkt bleibt die kreidebleiche Christine die Identifikationsfigur des Zuschauers, während das Tun aller anderen Charaktere des Geschehens – mit Ausnahme ihres repräsentativ-rationalen (weißen) Freundes – diffus, niederträchtig oder gar schlechthin böse konnotiert ist. Auch ein nahöstlich anmutender Wahrsager und ein mexikanisches Medium, die der Heldin immerhin zur Hilfe kommen, werden dem Zirkel des Mysteriösen, des Widersinnigen zugeordnet, zumal mehrfach deren Profitgier thematisiert wird. Dass mit Sam Raimi auch einer der Könner des Horrorgenres nicht ohne derart stupide Gemeinplätze auskommt, wirft ein wahrhaft beschämendes Licht auf den soziopolitischen Zustand des US-Kinos.

Nachtrag: Eine zweite Sichtung und ein wahnwitziger Hinweis in den Weiten des Internets eröffnen eine neue, völlig unerwartete Dimension von Drag Me to Hell. Die Möglichkeit, die gesamte Oberfläche des Filmes als gigantische Metapher zu lesen, verleiht Raimis Werk nicht nur eine zunächst ungeahnte Bedeutungsebene, sondern verhilft ihm zu einem qualitativen Quantensprung. Ob der legendäre Regisseur die allegorische Lesart nun angedacht hat oder nicht – versteht man den Höllentrip der Hauptfigur tatsächlich als psychosomatische Halluzination, verkehren sich auch die vermeintlich rassistischen Untertöne ins genaue Gegenteil. Oh, wie ist das Kino schön!

Wertung:

(1. Sichtung:) ■■■■□□□□□□□□□□□ (04/15)

(2. Sichtung:) ■■■■■■■■■■■□□□□ (11/15)


© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Juni 2009

Keine Kommentare: