Donnerstag, 14. Mai 2009

ANGELS & DEMONS

Dan Brown dürfte sich im letzten Jahr freudig die Hände gerieben haben. Da wurde der Aufhänger einer seiner Romane im Kernforschungsinstitut CERN doch tatsächlich zur wissenschaftlichen Wahrheit. Beinahe zumindest. In jedem Fall wird Brown im Gegenzug nur gerne in Kauf genommen haben, dass die vollständige Auftaktsequenz seines Buches für die Kinoadaption umgeschrieben, will sagen: an die unmittelbare Zeitgeschichte angepasst wurde. 

Als die Miniatur-Simulation des Urknalls, die künstliche Herstellung von Antimaterie, im vergangenen Herbst zum Thema der aufgeregten Weltöffentlichkeit wurde, hat dies die Verfilmung von Browns erstem Robert-Langdon-Abenteuer wohl endgültig unvermeidlich gemacht. Obgleich das Projekt nach dem durchschlagenden Erfolg von The DaVinci Code – Sakrileg natürlich ohnehin längst in Vorbereitung war. 2006 hatte Regisseur Ron Howard zunächst den zweiten der beiden Verschwörungsromane auf die Große Leinwand gebracht. 

Nun hat es der Symbolexperte Langdon nicht mit katholischen Extremisten zu tun, sondern einem der ältesten Feinde der Kirche, dem Geheimbund der Illuminaten. Kurz nach dem Tod des Papstes entführt ein Handlanger der Illuminati die vier Favoriten auf die Neubesetzung des Heiligen Stuhls und droht damit, stündlich einen der so genannten Preferiti hinzurichten. Nach dem Tod des vierten Kardinals soll eine Bombe aus eben jener Antimaterie den gesamten Vatikan vom Erdboden tilgen. Gemeinsam mit einer hübschen italienischen Wissenschaftlerin – ihr Fachgebiet scheint sich von Atomphysik bis zur Humanmedizin zu erstrecken – geht Langdon der Schweizer Garde zur Hand, das Schreckensszenario doch noch abzuwenden. 

Schauspielstar Tom Hanks wiederholt seine Darstellung des auf religiöse Symbolik spezialisierten Professors für Kunstgeschichte. Leider wirkt er als Robert Langdon in Angels & Demons sogar noch uninspirierter, ja: gelangweilter als im grundsätzlich flüssigeren DaVinci Code. Im Grunde ist die Passivität des Protagonisten bereits in den Buchvorlagen angelegt: Immer wieder tritt Langdon in den Hintergrund des Geschehens; wenn es wirklich brenzlig wird, wird er – bei einigen wilden Verfolgungsjagden sogar im wahrsten Sinne des Wortes – zum Beifahrer degradiert. Als er dann doch einmal das Heft der Tat in die Hand nimmt, braucht es eine (göttliche?) Fügung, ihn aus der lebensbedrohlichen Situationen zu befreien: Der Ausbruch aus dem hermetisch abgeriegelten Vatikanarchiv gelingt erst, als Langdon erschöpft resigniert hat.

Problematischer als die behäbige Darstellung Tom Hanks’ ist jedoch die Besetzung des weiteren Casts von Angels & Demons. Während Stellan Skarsgård als mürrischer Chef der Vatikanpolizei ideal erscheint, hätten den Rollen des weiblichen Counterparts Langdons und des Killers präsentere, will heißen: prominentere Gesichter gut getan. An die entsprechenden Sekundärakteure in The DaVinci Code, Audrey Tautou und Paul Bettany, reichen die modelhafte Israelin Ayelet Zurer und der spröde Däne Nikolaj Lie Kaas jedenfalls nicht heran. Auch Ewan McGregor, der als Camerlengo – also gewissermaßen geschäftsführender Vatikandirektor – eine zentrale Rolle in Buch und Film einnimmt, eignet sich zwar äußerlich, ist der zwiespältigen Brisanz seiner Figur aber zum Schluss nicht ganz gewachsen. 

Dass die beiden Bücher über Robert Langdons religiös angehauchte Schnitzeljagden in umgekehrter Reihenfolge verfilmt worden sind, hat seine Gründe. Warum sich die Produzenten zunächst gescheut hatten, „Angels & Demons“ umzusetzen, liegt nicht nur daran, dass sich „The DaVinci Code“ schlicht besser für eine Spielfilmdramaturgie eignet. Vieles an Browns erstem Buch – das haarsträubende Finale ist da nur das prominenteste Beispiel – liest sich zwar wunderbar, ist kinematografisch aber kaum darzustellen. Hinzu kommt die Problematik, dass sich die Mysterien und Halbwahrheiten in geschriebener Form geschickter verpacken lassen – und sei es als bewusste Auslassungen zugunsten der Phantasie des Lesers. Ein Mainstream-Film verlangt dagegen nach audiovisuellen Eindeutigkeiten, nach Entscheidungen, die dem Zuschauer abgenommen werden. Das muss an sich kein Nachteil sein, doch der arg grobschlächtig agierende Regisseur Howard trifft ein ums andere Mal die falschen. 

Mit erheblichen Kürzungen bügelt Howard die abstrusesten Buchideen Browns glatt und macht sie den vermeintlichen Anforderungen des Popcornkinos kompatibel. Im Handumdrehen merzt er damit jedoch eben jene kühne Courage des Erfolgsautors großflächig aus, die die Wirkung der Vorlage für viele gerade ausmacht und der er in The DaVinci Code offensichtlich noch wohlwollender gesinnt gewesen ist.

Es ist andererseits nicht unwahrscheinlich, dass viele dem Film Angels & Demons dennoch vorwerfen werden, was sich auch der Roman zuhauf gefallen lassen musste: Die Rufe nach dem „Unrealismus“ der Geschichte wurden bereits im Vorfeld der jetzigen Adaption wieder lauter. Wie unaufrichtig diese Beschwerde ist, verrät bereits der Erfolg des Buches, das eben doch jeder gelesen haben wollte. Aber das besserwisserische Getue ist natürlich auch methodisch unsinnig. Selbstverständlich verknüpft Brown Fakten und Fantasie, biegt sich Gerüchte, Merkwürdigkeiten und pikante Details der Kirchengeschichte nach Belieben zurecht. Man mag sich am Glaubwürdigkeitsanspruch stoßen, den die Erzählung ausstrahlt. Die künstlerischen Freiheiten, die sich die fiktive Vorlage und der fiktive Film nehmen, grundsätzlich abzulehnen, hieße dagegen, die Offenheit kultureller Erzeugnisses insgesamt infrage zu stellen. 

Einen Vorwurf treffen beide Romanverfilmungen Ron Howards: Die Chance, den hochinteressanten Kampf Glauben gegen Vernunft – der für sich genommen eine Wissenschaft darstellt, die Religionsphilosophie heißt – einem größeren Publikum seriös vorzustellen, verpasst The DaVinci Code ebenso wie Angels & Demons. Während diese fundamentale Fragestellung in Browns Trivialliteratur wenigstens anklingt, verschwindet sie in den Thrillern, denen der überaus ernsthafte Kern der Geschichten lediglich als boulevardesker Aufmacher dient.

 

Wertung: ■■■■■■■□□□□□□□□ (7/15)

 

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Mai 2009

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