Donnerstag, 13. Januar 2011

THE GREEN HORNET (ab 13.01.2011)

Ein Superhelden-Film, der sich seines eigenen Platzes im dicht behangenen Superhelden-Universum explizit bewusst ist. Ein europäischer Regisseur, der sich mit skurrilen Einfällen empfohlen hat und nun unerschrocken anschickt, einem der klischeeverseuchtesten Genres besonders des US-Kinos eine neue Seite abzugewinnen. Ein verdienter, nun ja: immerhin deutschsprachiger Oscarpreisträger, der seinen Siegeszug als charismatischer Antagonistenmime fortsetzt. Das alles klingt vielversprechend und lässt auf ein sicheres Entkommen aus der berüchtigten Falle namens superhero movie hoffen. Wie man sich in den Fängen ebendieser dennoch heillos verstricken kann, beweist der französische Filmemacher Michel Gondry mit seinem neuen Werk The Green Hornet. Am beinahe ungebremsten Scheitern des besonders in Fankreisen heiß ersehnten Remakes kann auch der erneut herrlich sinistre Christoph Waltz wenig ändern.

Erschreckend ist von der ersten Filmminute an, wie brav sich Gondry an die jedem Gelegenheitszuschauer bestens bekannten Konventionen des Superhelden-Kinos hält. Statt echten Innovationen lässt der Film seine Figuren hemmungslos herumalbern, ohne dabei auch nur eine ansatzweise erkennbare Stringenz zu erzeugen. Hier setzt sich auf fatale Weise eine Tendenz fort, die sich bereits in Be Kind Rewind leise angedroht hatte. Erneut setzt Gondry in Sachen Humor ganz auf die Karte eines etablierten Komikers. Während man Jack Black aber manche unnötige Fratze noch verzeihen mochte, ist das Problem in The Green Hornet von grundsätzlicher Natur – es liegt in der denkbar einfach gestrickten Blödel-Comedy Seth Rogens, den Gondry nicht nur die Hauptrolle brabbeln, sondern gleich das vollständige Drehbuch verantworten lässt. Und das reduziert seinerseits die gesamte Story auf deren humoreske Seite, wodurch eine beschlussfähige Mehrheit der ursprünglichen „Green Hornet“-Serie ersatzlos getilgt wird.

Wie die Filmemacher sich die derzeit offenbar unumgängliche 3D-Technik zunutze gemacht haben, scheint dagegen vorbildlich. In der Tat bietet uns The Green Hornet kreative Effekte, den Comic-Stil sympathisch zitieren und dennoch geschickt um die dritte Dimension erweiten. Leider bezieht sich diese Einschätzung aber lediglich auf den flotten Abspann des Films. Sonst gilt auch für diesen Aspekt, dass die vielleicht gut gemeinten Ansätze weitgehend verpuffen. Dass man sich erst nach Ende der eigentlichen Dreharbeiten für den Aufsprung auf den 3D-Zug entschieden habe, sei Gondrys kontrollierter Verspieltheit nur zugute gekommen, deuten die Produzenten in einem Pressetext ihren opportunistischen Sinneswandel in einen vermeintlichen Vorteil um. Ganz so stümperhaft wie etwa beim nachträglich und lieblos verdreidimensionierten „Clash of the Titans“-Remake mögen Gondry und Konsorten sicher nicht verfahren sein, dennoch erfüllt die künstliche Räumlichkeit auch in The Green Hornet nur äußerst selten einen echten dramaturgischen Zweck.

Erstaunlich ideenlos und – zumindest in der deutschen Synchronfassung – ohne jedweden gelungenen Wortwitz ist The Green Hornet nicht mehr als eine dröge Superhelden-Adaption neben vielen. Besonders für Kenner der Originalserie und Anhänger des für seinen unkonventionellen Inszenierungsstil geschätzten Michel Gondry wird das eine herbe Enttäuschung sein.

Wertung: ■■■■■■□□□□□□□□□ (6/15)

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Januar 2011

YOU WILL MEET A TALL DARK STRANGER (ab 02.12.2010)

Der in Jahre gekommene Alfie verlässt Jahrzehnten der Ehe seine Frau Helena, um mit einem schlichten Callgirl ein neues Glück zu finden. Die plötzlich Verlassene flüchtet sich in die wahnwitzigen Ratschläge einer geschäftstüchtigen Wahrsagerin. Auch Helenas Tochter Sally ist in ihrer Ehe kaum glücklicher: Ihr Mann Roy verdingt sich als längst von Glück und Erfolg verlassener Schriftsteller, der sich zudem zur geheimnisvollen Nachbarin Dia hingezogen fühlt. Sally hat sich ihrerseits in ihren Chef, den verheirateten Galeriebesitzer Greg verliebt – der sich wiederum auf eine Affäre ausgerechnet mit ihrer besten Freundin einlässt. Das allseitige Chaos ist vorprogrammiert.

Auch wenn Allens 41. Regiearbeit You Will Meet a Tall Dark Stranger die gewohnten Spitzen enthält, bleiben die ganz großen Fiesheiten diesmal aus. Wie man diese vermeintliche Zurückhaltung des Autors und Regisseurs bewertet, liegt freilich im Auge des Betrachters. Einerseits kann man es als ironische Selbstreferenz und bewusste Nichterfüllung eigens geschürter Erwartungen sehen, wenn der Film gleich mehrere Gelegenheiten auslässt, den Plot durch eine raffgierige Bluttat aufzumischen. Im bisherigen Spätwerk Allens mussten ähnlich unheilvoll anklingende Verstrickungen jedenfalls beinahe unvermeidlich in offene Grausamkeiten münden. Dass Stranger dagegen ohne Mord und Totschlag auskommt, mag andererseits als neue Zahmheit des bald 75-Jährigen verstanden werden. Natürlich ist es nicht ohne Reiz – und ohne Zutun Allens –, dass und wie der Film das sicherlich vielfach herbeigesehnte Kapitalverbrechen auslässt. Zurück bleibt somit aber gleichzeitig eine gewisse Beliebigkeit. Zudem scheint sich das arg abrupte Ende um den Verbleib gleich mehrerer Charaktere wenig zu scheren, auch die entscheidenden Fragen der Geschichte bleiben völlig offen.

Mit Anthony Hopkins, Naomi Watts, Josh Brolin, Antonio Banderas und der jungen Frieda Pinto aus Slumdog Millionaire ist auch You Will Meet a Tall Dark Stranger fraglos brillant besetzt. Aber gerade Pintos Part als „Frau im gegenüberliegenden Fenster“ zeigt auch die Schwierigkeiten der Handlungsentwicklung, bleibt ihre Rolle doch selbst dann auf eben diesen Gemeinplatz beschränkt, als sie von der flüchtigen Fernansicht in die Nähe der Kamera gerückt ist. Die mit Abstand interessantesten Ansätze zeigt die von Gemma Jones gespielte Quasi-Hauptrolle der sinnsuchenden Seniorin Helena, endet aber ihrerseits mindestens dreiviertelfatal. Übrig lässt Woody Allen in seinem neuen Werk einen gehörigen emotionalen Scherbenhaufen, der weder wirklich lustig ist noch zum Grübeln anstiftet – sondern eher recht deprimierend daherkommt.

Wertung: ■■■■■■■■□□□□□□□ (8/15)

© T. Richter (filmversteher@gmail.com), Dezember 2010